Erinnerungen von Marion Tuemmler geb.Reimuth

Liebe Daniela, der Pionierausweis auf Deinen Seiten hat in mir viele Erinnerungen geweckt, sowohl positive als auch negative. Diese Pionierausweise habe ich im Laufe meiner „Dienstzeit als FPL“ zu Hunderten ausgestellt. FPL steht für Freundschaftspionierleiter.

Auch ich habe in der DDR eine sorglose Kinder- und Jugendzeit verbracht. Es stimmt, Vieles hatten wir nicht, aber wir vermissten es auch nicht, weil wir es nicht kannten. Oft ging ich als Kind einkaufen. In unserer Straße gab es mehrere Geschäfte. Im Milchladen holte ich auch noch die Milch in Kannen, so wie du. Beim Einkauf von Butter, Kondensmilch und Schlagsahne wurden von der Verkäuferin in einem Heft Kreuze gemacht. Alle Familien waren darin namentlich aufgeführt. Monatlich stand jeder Familie eine bestimmte Anzahl von diesen Produkten zu. Wenn in jeder Spalte ein Kreuz war, dann hatte man seine Reserven ausgeschöpft und musste mit dem Einkauf bis zum nächsten Monat warten. Da wir im Garten Hühner hielten, die auch fleißig Eier legten, aus denen wir 2-mal im Jahr Eierlikör machten, mussten wir die Kondensmilch „sammeln“. Da gab es an manchen Tagen nur Vollmilch in den Kaffee. Außerdem brauchten wir noch Staubzucker und Primasprit dazu. Der Primasprit war nicht so das Problem, mein Großvater war HO-Kommissionshändler einer Drogerie. Da fiel 2-mal im Jahr eine Flasche mit ab. Die Zutaten kamen in den Mixer, zuletzt der Primasprit, und wurden da gerührt und nicht geschüttelt! Dann wurde alles in Flaschen abgefüllt. Diese holten wir beim Altstoffhandel gegenüber für 5 Pfennige das Stück. Wir suchten immer besonders schöne aus, meist welche von „Drüben“. Einmal im Monat schafften wir die Eier in eine Sammelstelle. Da bekam man neben dem Geld auch Scheine für Futtermittel. Das war wichtig, denn die Hühner wollten ja auch etwas fressen. Haferflocken gab es ja im Konsum, aber Weizen u.a.Getreide nur über diese Scheine. Apropos Futter, mein Opa bekam für seine Drogerie monatlich so 3 – 5 Säcke Hundekuchen geliefert. Er hatte eine Liste von Hunde- und Hühnerhaltern, die diese auf Zuteilung erhielten. Unsere Hühner fraßen den eingeweichten Hundekuchen auch sehr gerne. Mit Wurst und Fleisch hatten wir keine Not, mein Vater stammte aus einer Fleischerfamilie. Damals, Ende der 50ger Jahre, gab es ja diese Dinge nur auf Marken.

In der Schule war ich eine ganz gute Schülerin, besuchte 2 Arbeitsgemeinschaften: den Chor und die Leichtathletik. In der 7.Klasse durfte ich gemeinsam mit meiner Freundin Undine und 2 weiteren Pionieren unserer allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule Lunzenau für 6 Wochen in die Pionierrepublik „Wilhelm Pieck“ an den Werbellinsee fahren. Ich weiß noch, dass meine Mutti davon überhaupt nicht begeistert war. So eine lange Zeit, und Weihnachten stand auch vor der Tür. Aber mein Leichtathletiktrainer, der auch unser Sportlehrer war, konnte sie dann doch noch überzeugen. Endlich, am 8.11.1969 war es soweit. Wir waren 40 Pioniere aus dem Kreis Rochlitz. Mit dem Zug fuhren wir nach Berlin und dann weiter nach Altenhof. – Wer hätte damals gedacht, dass ich 18 Jahre später als Pionierleiter Pioniere meiner Schule dahin begleiten würde.-

In der Pionierrepublik wohnten wir gemeinsam mit der Reichenbacher Gruppe im Haus 2.In jedem Haus waren 80 Pioniere und 4 Pionierleiter untergebracht. Wir verstanden uns alle ganz toll. In jedem Haus gab es einen Klubraum. Dort konnten wir, in gemütlichen Sesseln sitzend, Karten- oder Brettspiele machen, Wandzeitungen gestalten, Briefe schreiben, lesen und basteln. Jede Gruppe hatte einen Gruppenraum, wo Zusammenkünfte und Besprechungen stattfanden. Oft bummelten wir in kleinen Gruppen durch die 3 km² große Pionierrepublik. Uns gefielen der wunderschöne Wald und natürlich der Werbellinsee, dessen Wasser zu dieser Jahreszeit eisig kalt war. Den See konnten wir vom Balkon unseres Hauses aus sehen. Die Bäume hatten an manchen Tagen ein Rauhreifkleid an. Märchenhaft !Unterricht hatten wir im Schichtsystem, eine Woche früh und eine Woche nachmittags. Die außerunterrichtlichen Veranstaltungen fanden dementsprechend entgegengesetzt statt. Der Unterricht war sehr gestrafft, 5 bzw. 6 Stunden täglich, und wir mussten ganz schön lernen, um mitzukommen. Neu waren für uns die Fachkabinette, die es an unseren Schulen damals noch nicht gab. Dienstags und donnerstags war Hausaufgabenzeit, mittwochs Patenschaftsarbeit. Gleich in der ersten Woche hatten wir Brigaden (6-7 Pioniere)gebildet. Der Lernpionier kontrollierte die Hausaufgaben und half bei Schwierigkeiten. Er legte gemeinsam mit den Pionierleitern fest, wer in welchem Fach die Patenschaft über wen in seiner Brigade übernimmt. Jeden Montag besuchten wir Ausbildungskurse, z.B. Klub junger Künstler, Klub der internationalen Freundschaft, Patent- und Messebüro, Spartakiadekomitee, Freundschaftsratsvorsitzende, Gruppenratsvorsitzende. Ich war im Spartakiadekomitee. Wir bereiteten für unsere Gruppe einen Mehrkampf vor und werteten ihn auch aus. Jeden Montagabend war im Kino Massensingen. Das machte unheimlichen Spaß. Ebenso die Massenspiele, die sonntags stattfanden. Ich erinnere mich noch an „Laurenzia, liebe Laurenzia mein“, „Wenn du Lust hast, klatsche in die Hand“, „Dieb, oh Dieb“, „Liebes Brüderchen“, „Stolzer König“, „Du und ich, wir beide“, „Arimtschimtschim“, „Ein Gärtner wollte Blumen pflücken“ usw.Jeden Samstagabend war Tanz. Dazu erhielten wir von den Pionierleitern einen Plattenspieler und Schallplatten. Oft gingen wir ins Kino, feierten den Pioniergeburtstag am 13.12. ganz groß, ein Talentewettbewerb fand statt. Langeweile gab es nicht. Gern erinnere ich mich an den Kosmonautentest. Im Haus der Pioniere befand sich das Kosmonautenzentrum, in das wir durch eine kleine Rakete hindurch einstiegen. Wir erhielten eine Karte und eine Murmel. Roboter „Technikus“ begrüßte uns. In Gruppen zu 10 Pionieren durchliefen wir folg.Tests: Raumfahrtuntersuchung, Mechaniker des Weltraums, Nautiker des Weltraums, Funker des Weltraums. Die Testergebnisse wurden in die Karte eingetragen. 

In der Kosmonautenbar ließen wir unsere Murmel in einen Automaten fallen, und erhielten als Gegenwert ein Getränk. Am 7.12.1969 war Eltern-Besuchstag. Stolz zeigten wir unseren Familien die beiden Schulen, das Pionierhaus, die Produktionsräume, wo der Unterrichtstag in der Produktion (UTP) stattfand, die Post, den See, den Wald und unser Haus. Beruhigt konnten sie am Abend wieder nach Hause fahren, sie wussten ihre Kinder bestens aufgehoben. Wir unternahmen eine Fahrt nach Berlin, lernten dabei die Sehenswürdigkeiten unserer Hauptstadt wie Fernsehturm, Alexanderplatz, Staatsoper, Haus des Lehrers, Haus des Kindes, Brandenburger Tor, Staatsratsgebäude und Humboldt-Universität näher kennen. Die Fahrten mit U-und S-Bahn war für uns Landeier ein besonderes Erlebnis. Geliebt habe ich die Leseabende. Wir nahmen unsere Decken, breiteten sie auf dem Korridor aus und einer von uns oder ein Pionierleiter las lustige Geschichten oder Gedichte vor. Natürlich gab es auch zahlreiche politische Veranstaltungen, wie ein Forum mit einem Oberstleutnant der NVA oder ein Treffen mit sowjetischen Soldaten. Der III.Komsomolkongress wurde studiert, die Rede Lenins ausgewertet und Schlussfolgerungen für unsere persönliche Arbeit und unser Verhalten gezogen. Gar nicht gemocht habe ich die Fahnenappelle, als Pionier nicht und als Freundschaftspionierleiter dann gleich gar nicht. Es kullerten viele Tränen als wir am 23.12.1969 im ersten Morgengrauen der Pionierrepublik Ade sagen mussten. Es war eine wunderschöne Zeit hier.

Insgesamt wurden täglich je Pionier ca. 13,30 M ausgegeben. Jeder Pionier zahlte davon nur 1,00 M selbst, die anderen Kosten übernahm der Staat.

Ich glaube, dass der Aufenthalt in der Pionierrepublik mein weiteres Leben stark beeinflusst und geprägt hat. In mir reifte der Wunsch, einen Beruf zu ergreifen, in dem ich mit Kindern zu tun hatte. Mein Traumberuf war Kindergärtnerin. Leider konnte ich mir diesen nicht erfüllen, da als Voraussetzung neben guten schulischen Leistungen das Spielen eines Musikinstrumentes gefordert wurde. Mit Noten stand ich auf Kriegsfuß, also wurde das nichts. So wollte ich mich als Unterstufenlehrerin bewerben. Mein Klassenlehrer empfahl mir, die Bewerbung als Unterstufenlehrer mit Pionierleiterausbildung. Da wären die Chancen besser. Ich würde nach dem Studium 2 Jahre als Pilei (Freundschaftspionierleiter) und dann automatisch als Unterstufenlehrer arbeiten. Das habe ich natürlich geglaubt.

Ich war eine von 3 FDJlern des Kreises Rochlitz, die am Institut für Lehrerbildung Rochlitz 1973 das 4-jährige Studium beginnen durften. Gleich in der Immatrikulationswoche wurde uns „der Zahn gezogen“- von wegen 2 Jahre als Pionierleiter arbeiten, wir sollten uns auf 10 Jahre verpflichten. Das habe ich trotz Gesprächen und Auseinandersetzungen nicht getan.

Die Strafe dafür war, dass ich bis zum 31.7.1989 als Freundschaftspionierleiter tätig war.

Die Arbeit mit den Kindern machte mir sehr viel Spaß, nur das politische Drum und Dran ging mir gehörig auf die Nerven. Gern habe ich Pioniernachmittage gestaltet, mit den Kindern gebastelt, bin mit meinen Pionieren in Pionierlager gefahren, gewandert, habe Talentwettbewerbe organisiert, Wandzeitungen gestaltet, Altstoffsammlungen organisiert. Gehasst habe ich die Fahnenappelle und die politischen Diskussionen. Mehrmals habe ich versucht, dieser Tretmühle zu entrinnen, aber eine Kündigung, die nicht im gegenseitigen Einvernehmen erfolgte, hätte für mich einen Platz auf der schwarzen Liste bedeutet. Das heißt, dass kein Betrieb mich hätte einstellen dürfen. Ich wollte auch das nicht glauben, erhielt aber eine Bestätigung von meinem Schwiegervater, der Produktionsleiter in einem VEB war. 

Erst 1989 wurde ich freigegeben und in Ehren entlassen. Meine Nachfolgerin wurde ein Jahr später, in der Wendezeit, als Freundschaftspionierleiter gefeuert.

 

Gern denke ich an die Aufenthalte mit meinen Pionieren in den Pionierlagern zurück, so im Zentralen Pionierlager „Lilo Herrmann“ in Bad Saarow – Strand.     Dort haben wir im „Korbine Früchtchen-Wettbewerb“ Birkenblätter, Zinnkraut, Spitzwegerich, Brennnesseln u.a. Kräuter gesammelt, getrocknet und zur Teeaufbereitung abgegeben, waren viel baden und oft im Kino. Unvergessen wird auch eine 3-wöchige Reise mit Pionieren aus den Kreisen Rochlitz und Hainichen nach Wolgograd bleiben.

 

Ich begleitete als Betreuer eine

Pionierdelegation nach Wolgograd vom 30.7. – 20.8.1987

„Diese Reise ist die höchste Auszeichnung, die ein Pionier erhalten kann. Wir erwarten ein höfliches, bescheidenes, korrektes Auftreten im Freundesland, aber auch Selbstbewusstsein und Feinfühligkeit. Andere Länder gleich andere Sitten und Gebräuche. Wir werden viele schöne Dinge erleben, Neues entdecken, Freundschaften schließen, aber sicherlich wird es auch anstrengend und eine große Belastung für den einen oder anderen werden“. Diese Worte richteten wir 3 Betreuer an die Pioniere und ihre Eltern zum Elterntreff am 26.4.1987 in Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz). In den Frühjahrsferien bereiteten wir uns gemeinsam mit den jeweils10 Pionieren der Kreise Rochlitz und Hainichen im Zentralen Pionierlager „Karl-Liebknecht“ in Zwickau auf die Reise vor. Dabei stand die Kollektivbildung im Vordergrund. Das heißt eigentlich nichts anderes als: Wir lernten uns näher kennen. Des Weiteren erfuhren wir viel Wissenswertes über unseren Reiseort Wolgograd, frischten unsere Kenntnisse über unser Heimatland DDR auf, insbesondere über unsere Bezirkshauptstadt Karl-Marx-Stadt und die Kreise Rochlitz und Hainichen, sowie unsere Pionierorganisation „Ernst Thälmann“.

Am 30.Juli 1987 war es dann soweit. 3.30 Uhr fuhr der Bus ab Karl-Marx-Stadt zum Flugplatz nach Berlin-Schönefeld. Ich hatte gemischte Gefühle. Zum ersten Mal fliegen. Doch einige Pioniere kannten sich aus und gaben Ratschläge. Mit einer TU 154 starteten wir nach Moskau. Es war ein angenehmer Flug. Die Wolken lagen wie kleine Wattebäusche unter uns und ließen ab und an einen Blick auf Städte und Landschaften zu. Von da ging es mit einer Jak 42 weiter nach Wolgograd, wo wir am 31.7. früh 1.00 Uhr ankamen. Dieser Flug war sehr unruhig, das Flugzeug schon ein älteres Modell, das wohl jedes „Luftloch mitnahm“. Beeindruckt hat mich der nächtliche Anflug auf das beleuchtete Wolgograd. Herrlich, dieses Lichtermeer. Ira, unsere Dolmetscherin, begrüßt uns. Mit einem Bus gelangen wir 2 Stunden später ins Pionierlager „Orljonok“. (was soviel bedeutet wie „Kleiner Adler“) Ein Abendmahl steht bereit. Die Quartiere sind sehr bescheiden. Wir wollten nur noch eines: Schlafen! Die Betten sind sehr schmal und weich, trotzdem schlafen wir wie die Murmeltiere. Am späten Vormittag stehen wir auf und besichtigen das Lager. Es liegt mitten in der Steppe und ist nicht sehr groß. 

     Steppenland am Lager

Die Häuser sind nicht verputzt, die Wasserleitungen stehen und liegen frei im Gelände herum und die Waschgelegenheiten befinden sich im Freien, sichtbar für alle. Die Krönung sind jedoch die Toiletten, so genannte Donnerbalken. Die Stimmung sinkt! 3 lange Wochen liegen vor uns! Doch dann finden wir ganz am Ende des Lagers Duschräume. Das ist doch wenigstens was, auch wenn die Installation sicher schon etliche Jahre zurückliegt. Im Lager erholen sich rund 300 Pioniere, davon 20 aus der DDR und 70 aus Afghanistan. Der Direktor des Lagers, ein schon recht betagter Herr, begrüßt uns. Er freut sich immer auf Delegationen aus der DDR, meint er, da die Kinder gut erzogen und kulturvoll wären. 

    Rochlitzer Gruppe

Er gibt uns einen Ablaufplan für unseren Aufenthalt im Pionierlager. Der sieht ganz gut aus: Exkursion nach Wolgograd, zum Mamajew-Kurgan, in ein Neubaugebiet, in ein Museum, in den Zirkus, sowie eine Schiff-Fahrt auf der Wolga. Enthalten sind auch ein Tag der DDR, ein Tag des Ritters (Ritterspiele), Wetterleuchten (Geländespiel), Puppentheater. Mit dem Bus fahren wir über eine Stunde bis wir im Zentrum von Wolgograd ankommen. Wolgograd ist ein Steppenland, am rechten Wolgaufer gelegen, rund 80 km am Strom entlang, die Breite beträgt nur wenige Kilometer. 1987 bewohnten 2 Millionen Einwohner die Stadt. Sie war ein bedeutendes Industrie- und Verkehrszentrum der UdSSR mit einem Edelstahl- und Aluminiumwerk und einem Traktorenwerk. In der Nähe der Stadt befindet sich der Stausee, das Wolgograder Meer, mit 620 km Länge, 30m tief. Es dient der Bewässerung von Millionen Hektar trockenen Steppenlandes und treibt auch die Turbinen des Wolgograder Wasserkraftwerkes, das 1962 fertig gestellt wurde und zu den größten der Welt gehört, an. – Zumindest war das 1987 so!

Wir besichtigen in einem Neubaugebiet den Kulturpalast mit großem und kleinen Saal, russischer Teestube und Museum. Von dem vielen Marmor, herrlichen Grünpflanzen und Springbrunnen mit Goldfischen sind wir sehr beeindruckt.

Es geht weiter zum Wolga-Don-Kanal. Das ist eine künstliche Wasserstraße, die die 2 mächtigen Flüsse Wolga und Don miteinander verbindet. Die Wolga, der längste Fluss Europas – 3700 km- mündet ins Kaspische Meer. Der Don – 1900 km- mündet ins Asowsche Meer. Den Befehl zum Bau des Kanals erteilte Zar Peter der Große. Zehntausende Leibeigene Bauern hoben mit einfachsten Werkzeugen ein 4km langes Kanalbett aus und stellten eine Schleuse fertig. Beim ersten Versuch der Inbetriebnahme riss die Strömung die ganze Anlage weg. Erst in den Jahren 1948-1952 wurde der Bau weitergeführt und beendet. Die höchste Stelle des Wolga-Don-Kanals liegt 44m über dem Wasserspiegel des Don, aber 88m über dem der Wolga. Deshalb machte sich der Einbau von 13 Schleusenanlagen notwenig. Nun konnten schwere Schiffe vom Schwarzen Meer über das Asowsche Meer, den Don und den 101 km langen Kanal zur Wolga fahren, von da flußab zum Kaspischen Meer und flussauf über gewaltige Stauseen, ausgebaute Fluss-Strecken und Kanäle bis zum Weißen Meer oder zur Ostsee. Wir sehen die 1.Schleuse und das riesige Lenin-Denkmal und erfahren, dass die Wolga 23°C Wassertemperatur hat, 25m tief und 2km breit ist.

Wir besichtigen auch den Stadtteil der Wolgadeutschen. Im 18.Jahrhundert rief Katharina II. Deutsche auf, sich dort auf unbebautem Land anzusiedeln. An den Häusern kann man erkennen, dass sie nicht nach russischem Vorbild gebaut wurden, Spitzdächer statt Flachbauten, und rote statt weiße Dachziegel. Auch der Anbau von Senf in diesem Gebiet geht auf die Deutschen zurück.

Unseren 2.Ausflug in die Stadt unternehmen wir mit der „Elektrischen“. Der Lagerbus bringt uns zum Bahnhof. Im Zug unterhalten sich unsere Pioniere mit Händen und Füßen mit den Einheimischen. Eine „Babuschka“ (Großmutter) winkt uns beim Verlassen des wunderschönen Wolgograder Bahnhofes noch lange nach. (Bahnhof, Bild rechts)

 Zuerst führt uns Ira zum Zentralkaufhaus. Wir staunen über die große Auswahl an Farbfernsehern für 750 Rubel das Stück. Dann gehen wir zur Markthalle und sind total geplättet. So etwas haben wir noch nicht gesehen! Eine riesige Fläche mit vielen Ständen, wo die Leute Obst, Kleidung, Schmuck u.a. anbieten. Unseren Kindern „gehen die Augen über“. Früchte, die sie noch nie oder selten gesehen haben: Aprikosen, Pfirsiche, Weintrauben, Himbeeren, Melonen, Baglascham (blaue längliche Frucht), Erdnüsse, Haselnüsse, getrocknete Pflaumen, Tomaten…. Man kann sich nicht satt sehen.

Unser 3. Besuch von Wolgograd wird von „Wolgograd-Tourist“ organisiert. Mit einem Bus fahren wir an Neubauten und kleinen Holzhäusern vorbei zum Mamajew-Kurgan. (Kurgan = Hügel) Dabei fällt uns auf, dass es in den Häusern kaum Gardinen an den Fenstern gibt. Oft ziert die „Prawda“ (Zeitung) oder auch Silberpapier das Fenster oder es wird Wäsche davor gehangen. Wir sehen Versuche einer Grünanlage, aber es will bei den Temperaturen nichts so richtig wachsen. Viele Blätter und das Gras sind verdorrt. An diesem Tag sind 40°C im Schatten.

Blick vom Mamajew Hügel

Ira erklärt uns, dass der Name des Mamajew-Hügels aus der Zeit der Tatarischen Überfälle stammt. Ansonsten erinnert der Hügel an das Jahr 1942, den 2.Weltkrieg. Es ist eine Gedenkstätte für den Sieg der Sowjetarmee. Die faschistischen Truppen waren bis an die Wolga vorgestoßen. Wolgograd hieß damals Stalingrad. Ende 1942 erfolgte der Gegenangriff der Sowjetarmee. Die Hitler-Truppen wurden eingeschlossen. Da kein Nachschub an Verpflegung, Medikamenten und Munition möglich war, verhungerten viele Deutsche und der Kampf wurde aufgegeben.

Die 4.Exkursion in die Stadt findet in einem großen Rahmen statt. Vor dem Lagertor erwarten uns 6 Busse (jede Gruppe ein Bus) und 2 Milizautos, ein Lada und ein Moskwitsch. Der Lada fährt mit Blaulicht voran, dann der Bus-Konvoi. Der Moskwitsch bildet den Abschluss. Wir werden ordentlich durchgeschüttelt, denn die „Straßen“ sind eine Katastrophe. Der bessere Ausdruck dafür wäre „Stein-Piste“. Der Konvoi stoppt am Schleusentor Nr.1 des Wolga-Don-Kanals. Lenin erhebt sich in stolzer Größe am Anlegesteg.

Wir verlassen die Busse und betreten das Fahrgastschiff „Moskwa“. Es ist ein sehr schönes Schiff und ganz für uns allein da. Wir fahren bis zum Flussbahnhof und wieder zurück. 5 Stunden sind wir auf der Wolga. Die Fahrt durch die Schleusen ist sehr beeindruckend. (Bild links, das Schleusentor Nr.1)

Am Wolgograder Flussbahnhof

Wolgafahrt; Afghanische Mädchen

Wir sehen viele Schlepper und Tragflächenboote, sowie riesige Fahrgastschiffe. Auch die Landschaft ist sehr sehenswert: Badestrände, die Insel der Erholung, Neubauten, Schiffskrane…Wir sind begeistert.

Die 5.Ausfahrt wäre im wahrsten Sinne des Wortes bald ins Wasser gefallen. Es regnet und wird immer toller. Wir stehen vor dem Lagertor, aber kein Bus kommt. Schließlich bringt uns der kleine Lagerbus bis zum Kulturhaus. Dort wartet der Bus von Wolgograd-Tourist. Dieser ist durch die Wassermassen nicht den Berg zum Lager hinauf gekommen. Der Fahrer muss witterungsbedingt sehr langsam fahren. Schließlich halten wir vor einem imposanten Rundbau, dem Panorama und Museum der Stalingrader Schlacht. Wir sind total beeindruckt. Das große Wandbild ist 120m lang und 18m hoch. Es umspannt die Kuppel und stellt verschiedene Situationen der Stalingrader Schlacht dar. Vor dem Gemälde ist in 13m Tiefe das Schlachtfeld angedeutet. Man sieht Unterstände, verbeulte Tornister, tote und verwundete Soldaten, brennendes Holz, Panzerspuren, Munition, Holzkreuze mit Stahlhelmen darauf und vieles andere mehr. Bild und Gelände gehen ineinander über und man sieht sich mitten auf dem Schlachtfeld. Ich denke an den Bruder meiner Oma, der dem Stalingrader Kessel entronnen ist. Der gedachte Standpunkt des Betrachters ist jedoch der Mamajew-Hügel am 26.1.1943.Unmittelbar neben dem Museum befindet sich die Ruine der roten Mühle, davor das Pawlow-Haus. Um beide Gebäude gab es starke Kämpfe. Eine Handvoll Soldaten verteidigten sie bis aufs Letzte.

Die 6. Fahrt nach Wolgagrad führt in den Zirkus. Im Bus erhalten wir Verpflegungsbeutel. Wir halten an einem Rundbau, erwartet hatten wir eigentlich ein Zirkus- Zelt. Sicher haben hier über 1000 Personen Platz. Die 1.Reihe ist für uns reserviert. So erleben wir alles hautnah mit und werden von den Akteuren auch oft mit einbezogen. Die Vorstellung ist phantastisch und wir sind total begeistert. Besonders beeindruckten uns die Hunde-, Esel- und Pferdedressur, der Säbeltanz der Gruppe „Gajaneh“ und die Kuban-Kosaken.

Zweimal fahren wir noch mal mit der „Elektrischen“ in die Stadt um zu bummeln und einzukaufen.

Im Pionierlager gibt es auch absolut keine Langeweile. Wir haben viele schöne Erlebnisse.  

Dazu gehören der von uns gestaltete Tag der DDR mit Kulturprogramm, Bastelstraßen, typisch deutschem Essen – wir bereiten eine schöne deftige Kartoffelsuppe zu, das Ritterfest mit dem Ritterturnier und dem Maskeraden-Ball, der Tag Afghanistans, die Discos, Fußballspiele, Malwettbewerbe, Kino usw.

Bild links,  ....bei den Ritterspielen

 

 

 

 

Im Lager ist auch ein Schwimmbassin. Das Wasser wird alle 3 Tage gewechselt und ist die ersten beiden Tage so kalt, dass wir nur jeweils am 3. Tag baden gehen.

Unsere Kinder werden während ihres Aufenthaltes im Pionierlager von der Lagerärztin, einer fast 80-jährigen rüstigen Babuschka mit Brille und Pantoffeln mehrmals gewogen und untersucht. Sie ist der Meinung, sie sind zu dünn und müssen mehr essen. Wirklich belastend wird es für unseren Thomas aus Hainichen, der an einer Angina erkrankt und in der Krankenstation das Bett hüten muss. Er hat erst nach einigen Tagen die Aussicht entlassen zu werden, aber nur, wenn der Essenteller auch immer leer ist. Deshalb gehe ich ihn mittags immer mit einigen Pionieren besuchen. So hat Thomas mit unserer Hilfe immer prima aufgegessen und kann wieder zur Gruppe zurück.

Apropos Essen: andere Länder, andere Sitten, trifft hier voll zu. Zum Frühstück gab es nur süße Sachen wie Milchreis, Grießbrei, süße Nudeln, Reis mit Rosinen, Buchweizenkascha und dazu Tee oder Kakao. Das Mittagessen bestand aus einer Vorsuppe (Borschtsch, Schtschi) mit weißem Brot, Kartoffelbrei oder Reis, dazu Beefsteak, Gulasch oder anderes Fleisch, Kompott, das Abendbrot aus Kartoffelbrei, Quarkauflauf, Griesbrei. -Kartoffeln, Wurst und dunkles Brot gab es nicht. Ich konnte Wochen später weder Kartoffelbrei, noch Reis essen. Zum Vesper bekamen wir ein Glas Kefir und viel Obst, sowie frisch gepressten Saft und an manchen Tagen Bulotschkis (Brötchen mit Marmelade gefüllt) Diese wurden von den Küchenfrauen selbst gebacken und waren sehr lecker!

In schlimmer Erinnerung sind mir die 3 Tage, an denen es kein Wasser im Lager gab. Die Toilettentüren waren zugenagelt. Ab in den Wald! Was anderes blieb uns nicht übrig. Gewaschen haben wir uns am Bach, der sich durch das Lager schlängelt. Wir jubelten, als wir wieder unsere primitiven Toiletten benutzen konnten. Und das funktionierte so: Im Toilettenhäuschen waren 4 Nischen, abgetrennt durch eine ca.1,50m hohe Wand. Auf dem Boden befand sich ein Loch, über das man sich hocken musste. Im Abstand von ungefähr 1 Minute rauschte ein Wasserstrahl aus der Wand hinter uns und spülte alles weg. Wenn man nicht schnell genug weg war, hatte man auch gleich noch eine unfreiwillige Dusche eingenommen.

Sehr bewegt hat uns das Schicksal des kleinen afghanischen Jungen Farrid. Er war oft bei uns und erzählte mit Tränen in den Augen, dass er keine Verwandten mehr hat. Soldaten fanden ihn als 5-jähriges Kind in einem total zerstörten Gebiet Er irrte dort mutterseelenallein herum. Wir waren tief erschüttert und selbst unsere Jungen hatten Tränen in den Augen. Wie gut es uns da geht!!!

Bild zeigt unsere Gruppe mit dem kleinen Farrid aus Afghanistan.

Am 19.8.1987 heißt es Abschied nehmen. Adressen werden getauscht. Von der Lagerleitung erhält jeder von uns einen schwarzen hübsch bemalten Holzlöffel als Andenken. Am 20.8 fliegen wir zurück nach Moskau. Der Komsomol hatte für uns dort noch eine Stadtrundfahrt organisiert. Wir spazierten über den Roten Platz und verjubelten unsere letzten Rubel im Kaufhaus „Gum“.

Moskau Roter Platz

Moskau am Lenin-Mausoleum

Roter Platz in Moskau

Der Rückflug nach Berlin erfolgte mit einer IL 62. Ein Sonderbus brachte uns von Schönefeld nach Karl-Marx-Stadt, wo wir am 21.8.1987 um 3.00 Uhr ankamen. Diese Reise wird für uns alle unvergesslich bleiben. Die Kosten pro Teilnehmer betrugen 1200 M. Davon bezahlten die Eltern 30 M, die Schulen 70 M. Den Rest übernahm der Staat. Des Weiteren waren von den Eltern 100 M Taschengeld aufzubringen.

Marion Tümmler

 

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