Dank der freundliche Unterstützung von Herrn Klaus Blam, - Verwalter der bis 1989 von Ilse Blam geführten Ortschronik von Berga/Elster -  konnte ich diese Seite anlegen. Sie bietet einen kleinen, aber markanten Einblick in den oft von Mangelwirtschaft und Missständen geprägten Alltag der DDR- Bevölkerung.

DDR- Alltag, aus der Sicht der Bergaer Ortschronistin Ilse Blam (aus bisher unveröffentlichten Notizen und Einschätzungen)

 

1974-12-27

Winterkartoffeln. „Die Wintereinkellerung der Kartoffeln ist von Jahr zu Jahr stark zurückge­gangen (im Jahre 1974 sieben Prozent). Dagegen verstärkt sich die Forderung, Speisekartoffeln das ganze Jahr über in Kleinbeuteln kaufen zu können. Aus diesem Grund entstand in der KAP Berga ein Lagerhaus für 600 Tonnen Speisekartoffeln. Für den Leiter des Lagerhauses, Kollegen G. ist es eine große Aufgabe, immer den entsprechenden Anforderungen gerecht zu werden. 1974 stellte die Abpacklinie Berga über 1000 Tonnen Speisekartoffeln in Kleingebinden bereit. Nächstes Jahr sollen es um über die Hälfte mehr sein." (VW, 27.12.1974 )

 

1978-04-07  

In der LPG (P) Berga wurde eine Kartoffellegemaschine so umgebaut, dass vorgekeimte Kartoffeln nun nicht per Hand gelegt werden müssen. Man erhofft sich davon eine Produktionssteigerung und möchte den Kreis ab Juli mit neuen Kartoffeln beliefern können. (VW, 07.04.1978). "Die Qualität der Kartoffeln war in den letzten Jahren eine sehr schlechte. Das lag wohl zum Teil am schlechten Saatgut und den vielen künstlichen Dünger. 1975 faulten die Kartoffeln von vor Weihnachten in den Kellern zusammen. 1976 waren die Kartoffeln braun- und schwarzfleckig und kaum noch als Futterkartoffeln zu gebrauchen, so dass die Stadt viele Reklamationen bekam und Ersatz schaffen musste. Viele Familien sind deshalb von der Einkellerung der Kartoffeln abgekommen und kaufen nach Bedarf ein Säckchen im Konsum. Auch ist durch das Werkküchenessen der familiäre Bedarf an Kartoffeln gesunken. 1977 waren die Kartoffeln teilweise so klein, dass sie gleichfalls nur Futterkartoffeln hätten sein sollen. Die Bevölkerung war oft sehr unzufrieden. - Der Preis für Kartoffeln ist das ganze Jahr hindurch stabil. Der Zentner kostet 7,30 Mark."

 

1978-04-19  

„In der vergangenen Woche weilte ein Agrarflugzeug vom Typ 237 der Interflug im Bereich der LPG (P) Berga. Von seinem Einsatzort bei Zickra aus startend, hat der Pilot mit seiner „Dünger-Hummel" an vier Einsatztagen auf ca. 750 Hektar Flächen Kunstdünger ausgebracht." (VW, 19.04.1978). - "So fortschrittlich alle Meldungen aus der Landwirtschaft auch klingen, darf doch nicht übersehen werden, dass diese Art von Düngung bei der Bevölkerung auf Abwehr stößt. Es wird viel mehr Dünger als nötig verbraucht und die angrenzenden Flächen wer­den bis 500 m breit mit erfasst. Das sind Straßen, Wege, Wiesenstücke, sämtliche Waldstücke, die als Inseln in den Feldern liegen. Das alles wird mit zu viel Stickstoff angereichert und geschädigt. Die Insekten- und Vogelwelt wird vernichtet und das ökologische Gleichgewicht der Natur zerstört. Die Schadstoffe kommen in das Trinkwasser und über das Oberflächenwasser in stehende und fließende Gewässer, so dass bald kein Fisch mehr darin lebensfähig ist."  

 

1978-10-31

"Der Herbst brachte eine reiche Kartoffelernte und man könnte recht zufrieden sein, wenn es auch wirklich Qualitätskartoffeln wären. Diese übergroßen Knollen weisen, sowie sie zur Einkellerung gelangen, recht große Mängel auf. Sie sind schorfig, dazu seifig. Viele sind schon beim Einkellern schwarzfleckig und trockenfaul, so dass man um Weihnachten mit viel Fäulnis rechnen muss. Es muss leider gesagt werden, dass unsere LPG seit ihrem Bestehen noch recht wenig Glück hatte mit diesem wichtigen Volksernährungsmittel. Liegt es nun an mangelhaften Samen oder an übermäßiger oder unsachgemäßer Düngung, man wird es kaum erfahren."  

 

1979-10-07  

"Zum 30. Jahrestag der DDR, der von der Bevölkerung fast nur mit schlechten Witzen gefeiert wurde, erließ die Regierung eine Amnestie für politische Gefangene. Es waren 2100 Bürger! Bemerkenswert, wie viele Leute wegen freier Meinungsäußerung im Gefängnis sitzen. Laut Gesetz ist jede Kritik an Politik und Staatsführung verboten."

 

1979-10-20  

"In zunehmender Weise wird die DDR-Bevölkerung unzufrieden. Das liegt zum großen Teil an der Versorgung mit Konsumgütern. In den Zeitungen steht wohl von hohem Lebensstandart, doch in den Geschäften bekommt man meist abschlägige Antworten. Die Preise der Grundnahrungsmittel blieben bis jetzt stabil, Brot mit 1,5 Kilo = 0,96 M; Butter (das Stück mit 250 g) zu 2,40 M; l Liter Milch = 0,86 M. Auch Kinderkleidung wurde bis jetzt vom Staat gestützt. Doch die Preise anderer Dinge stiegen unablässig in die Höhe, Schuhe z. B, bis 150,- Mark, im Durchschnitt 60 bis 70 Mark. Bettwäsche gab es ein halbes Jahr überhaupt nicht. Jetzt, im Oktober, wurde im Handel wie es hieß, holländisches Bettzeug angeboten: l x für 2 Betten = 360,- Mark. Das kann sich kein Arbeiter leisten. Für ein Handtuch zahlt man 33,- Mark. Diese Teuerungsraten muss die Bevölkerung ohne Lohnzulagen über sich ergehen lassen. Es heißt, unsere Waren werden alle ins Ausland verkauft und zwar zum Unterpreis. Kapitalistische Händler kaufen spottbillig unsere guten Waren ein und werfen sie, nicht zur Freude der Industrie in der BRD auf den Markt. Das ver­größert die westdeutsche Arbeitslosigkeit. Die Waren, die fehlerhaft sind und von BRD-Kaufleuten abgelehnt werden, dürfen in der DDR verkauft werden."

 

1980-12-31

"Das Jahr 1980 hat in der Bevölkerung der DDR das Gefühl des Misstrauens gegen seine Regie­rung noch gesteigert. Die Ausverkaufssituation auf allen Sektoren und Wirtschaftszweigen nimmt zu. Zwar ist der Preis der hauptsächlichen Nahrungsmittel nicht gestiegen, doch viele Güter des täglichen Bedarfs gibt es überhaupt nicht mehr. Es heißt, es würde alles in kapitalistische Länder exportiert, wegen der Devisen. So bekommt man z. B. Leber im Geschäft nur unter dem Ladentisch, weil sie für Exporte als Hundefutter verarbeitet wird. Die Liste der fehlenden Artikel ist endlos lang. Den anderen sozialistischen Ländern geht es nicht besser. Die Devisen würden zur Unterstützung ausländischer Kommunisten verwendet, und den größten Teil schöpfen die Sowjets von uns ab. Engpass ist auch nach wie vor Handwerkerarbeit, da durch die Kollektivierung der Handwerker­stand zugrunde gerichtet ist. Die Zugeständnisse, die jetzt nach Erkennung dieses Übelstandes gemacht werden, erfolgen viel zu spät. Die Moral der Arbeiter, obwohl jedes Gramm und jede Minute ausgenützt werden soll, lässt auch sehr zu wünschen übrig. Das bedeutet für viele Waren eine starke Wertminderung. Das alles macht die Menschen im höchsten Grade unzufrieden, dazu kommt noch das Maulkorbgesetz, das die Regierung verhängte und das allen Menschen wie eine eiskalte Lähmung aufliegt. Auch sorgt man sich um die Sparguthaben, denn die laufenden Preiserhöhungen von Kleidung, Wäsche, Schuhen, Porzellan, Möbeln und elektr. Geräten, soweit das alles überhaupt zu bekommen ist, stellt sich doch als schleichende Inflation dar. Es wird auch eher das Gegenteil von Sympathie erreicht, wenn in Zeitungen und anderen Medien großspurig von der Übererfüllung aller Wirtschaftspläne und einem großartigen Lebensstandart geschrieben wird. Um die Natur sorgt man sich nur auf dem Papier. Bäche und Flüsse sind verschmutzt, dass Leben darin unmöglich ist. Gifte sickern durch Abwässer und falschen Silagenbau in den Boden. Falsche Düngung ruiniert die natürlichen Wachstumsverhältnisse (in diesem Jahre leiden die Kartoffeln an Überdüngung; übergroße, leicht faulende Kartof­feln werden von der Bevölkerung als stinkende Masse wieder aus den Kellern geräumt). Die LPG geht rücksichtslos vor. Kleine Waldflecken, Baumgruppen, Einzelbäume und Raine werden beseitigt und umgeackert. Das Niederwild ist stark zurück gegangen und man hat Glück, wenn man einmal einen Hasen sieht. Ebenfalls verursacht die viele künstliche Düngung ein großes Insektensterben und damit die Vernichtung vieler Vogelarten. Die Fabriken in Berga, und auch die Schule, verqualmen und verdrecken den Luftraum, dass der Talkessel oft unter Rauch und Schmutz verschwindet. Es wurde von Besuchern aus dem Ruhrgebiet mehrmals versichert, dass es bei ihnen nicht zu schmutzig sei! All diese Verhältnisse und das Unvermögen zur Änderung ruft bei den meisten Bürgern das Gefühl der Hoffnungslosigkeit hervor. Sie ziehen sich so weit es geht von allem Gesellschaftlichen zurück und versuchen, ein für sich selbst zufriedenstellenden Eigenleben zu fuhren. - Vom Jahre 1981 erwartet man keine Verbesserung der Verhältnisse."

 

1981-06-14  

"Am 14. Juni findet wieder die Wahl der Kandidaten der Nationalen Front für die Volkskammer statt. Die Helfer wurden schon geschult. Die Wahlberechtigungen und Wahlbenachrichtigungen wurden von den Helfern ausgetragen. Die Losungen und Wahlaufforderungen sind, wo nur irgend Platz ist, angebracht, und der Bevölkerung mit sanften Druck zu Gemüte geführt. In der Tagespresse erscheinen ungezählte Fotos von Arbeitern, die von der Zwinglichkeit und Wiederwahl der gegenwärtigen Regierung überzeugt sind und brav das wiedergeben, was man von ihnen wünscht. Die Wahlhelfer für den 14. Juni sind bestellt und manche Gemeinden und Dörfer überbieten sich schon, mit welcher Schnelligkeit die Wahl beendet werden könnte. Als Wähler möchte man die Zeit nicht überschreiten, um nicht schief angesehen zu werden. Außerdem ist es nicht zu empfehlen, die Kabine zu betreten, um nicht aufgeschrieben zu werden. Irgendwo, irgendwann, kann das einem Schaden bringen. Man hat in der DDR gelernt, mit einer Meinung zu leben, die nicht die wahre, eigene ist. Die Bevölkerung ist über die Regierung verärgert. Der Wert des Geldes sinkt inflationär. Die Waren werden teurer und viele Gebrauchs­gegenstände fehlen ganz. Möglichkeiten, bei Ämtern und Institutionen eigene Anliegen anzubringen, gibt es nur wenig. So z. B. Wasser- und Telefonanschlüsse zu bekommen, den schadhaften Badeofen ersetzen, die längst fällige Wohnung zu erhalten u. v. a. m. Es hat sich langsam eingerichtet, die Wahl als Druckmittel zu benützen. Mit der Drohung, nicht zu wählen, kann der Rat der Gemeinde in die Enge gebracht werden, der alles zu tun bereit ist, die 100%ige Planerfüllung der Wahl nicht zu gefährden."

 

1982-01-04  

"Der Hauswirtschaftliche Dienstleistungsbetrieb ist gezwungen, verschiedene Leistungen einzu­stellen. Wegen Benzinmangel wird die Schmutzwäsche nicht mehr abgeholt und zugestellt. Bisherige Fahrleistungen werden auf allen Sektoren rigoros gekürzt. Viele Omnibuslinien werden eingestellt, ebenso Rentnerfahrten. Sogar die LPG muss Kürzungen hinnehmen. Manche Werktätige sind durch sparsamere Fahrrouten längere Zeit zum Ar­beitsplatz unterwegs. Das alles ruft in der Bevölkerung Unzufriedenheit und Unruhe hervor."

 

1982-03-31

"Es wird ungeheuer mit Benzin gespart. Der private Sektor ist zwar noch unbehelligt, doch von staatlicher Seite erfuhren alle Betriebe und Institutionen erhebliche Einschränkungen. Bäuerliche Betriebe, Fabriken und dergl. haben bedeutende Schwierigkeiten. Als Privatmann einen LKW zu bekommen, um irgendwelche Fuhren zu bewerkstelligen, ist fast unmöglich. Rentnerfahrten oder Busausflüge sind ganz und gar gestrichen. Es ist auch sonst im Handelssektor und der Wirtschaft ein merklicher Rückgang im Angebot zu verspüren. Die Grundnahrungsmittel jedoch stehen immer zur Verfugung. Aber die Fehllisten für andere Materialien wollen schier nicht enden."

 

1982-04-30

"In den Geschäften macht sich die Knappheit von Wurst- und Fleisch waren bemerkbar. Das Angebot wird geringer. Auch in anderen Warensektoren hat sich Versorgung kaum gebessert. Der Hausbau des Herrn S. im Kirchgraben kann nicht begonnen werden, weil es keinen Zement gibt."

 

1982-07-31

"Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln (vor allem Fleisch) und anderen Bedarfs­gütern hat sich nicht gebessert. Viele Dinge, die zur Selbstverständlichkeit gehören sollten, sucht man vergebens. Spezielles findet man gar nicht. Das Vertrauen zur Regierung schwindet immer mehr. Durch das gesetzliche Verbot jeder Kritik an Partei und Staatsmacht sind die Menschen sehr misstrauisch und vorsichtig geworden. - Durch lange Trockenperiode ist der Fettgehalt der Milch gesunken, so dass die Molkereien den Fettgehalt der Vollmilch gesenkt und in die Butter irgendwelche Zusätze gemischt werden müssen, was Qualitätsverlust bedeutet. Es gibt dafür einen Preisnachlass von wenigen Pfennigen. Die Preise anderer Bedarfsgüter (keine Lebensmittel) wie Schuhe, Textilien usw. steigen ständig. Leichte Damensommerschuhe kosten schon um die 60,- Mark. - Es macht sich auch schon lange die Zerstörung des Handwerkerstandes in schlimmer Weise bemerkbar. Die Auflösung der Bergaer Glaserei und die Verlegung der Klempnerei nach Greiz bringt nur eine Verschlechterung der Lebensweise und Versorgung der Menschen. Mangel an Materialien wie Holz, Glas, elektr. Leitung, Bleche, Nägel, Schrauben und vieles mehr, machen Reparaturen meist recht problematisch. - Aus verschiedenen Städten, wie z. B. Weimar und Jena kommen Meldungen von schlechter Fleischversorgung. In Berga geht es damit noch einigermaßen. Wo man eine lange Menschenschlange sieht, ist ein Fleischladen. Die Belieferung ist einseitig und man bekommt meist nur eine einzige Fleischsorte (Schwein). Kalbfleisch gibt es fast nie. Es regt kaum jemand auf. Geflügel gibt es ausreichend. Der Speck fehlt ganz und gar und er Erwerb von Schinken ist Glückssache. - Die Versorgung der Betriebe mit Benzin hat sich nicht gebessert. Es heißt auch, dass die Betriebe selbst alle in den roten Zahlen stünden. Offiziell ist da nichts zu erfahren. So wie in Westdeutschland viele kleine Betrieb den Bankrott anmelden müssen, haben auch die Betrieb in der DDR Krisen durchzumachen. Vom Kreis Greiz sagt man, dass nur ein einziger Betrieb schuldenfrei sei."

 

1982-08-10 

"Das Wetter ist heiß! Wenig Niederschlag. Das macht sich nun auch in der Landwirtschaft und Versorgung bemerkbar. Die Futterweiden der Kühe verdorren. Die Milch wird auf weniger Fettgehalt zurecht­gemacht. Auch die Butter wird in ihrer Qualität geringer. Es gibt dafür einen Preisnachlass von wenigen Pfennigen. Die Preise anderer Bedarfsgüter (außer den hauptsächlichen), so bei Schuhen, Textilien u. a. steigen ständig. Der Preis für leichte Sommerdamenschuhe ist schon lange wieder bei 60 Mark. Die Auswirkungen der Zerstörung des Handwerks machen sich in schlimmer Weise bemerkbar. Die Auflösung der Bergaer Glaserei und die Verlegung der Klempnerei nach Greiz bringt nur eine Verschlechterung der Lebensweise und Versorgung der Menschen. Mangel an Materialien wie Holz, Glas, elektr. Leitung, Bleche, Nägel, Schrauben usw. machen Reparaturen recht problematisch. Aus verschiedenen Städten kommen Meldungen von schlechter Fleischversorgung (Weimar, Jena). In Berga geht es einigermaßen. Viele Fremde kommen hierher und tätigen Hamsterkäufe. Lange Menschenschlangen trifft man vor den Fleischgeschäften. Beliefert werden diese meist nur mit einer Fleischsorte, größtenteils mit Rind, nur manchmal gibt es auch Schweinefleisch zu kaufen und Kalbfleisch ganz selten. Das regt kaum noch jemand auf. Geflügel gibt es ausreichend. Das Leben hat wenig Perspektiven für DDR-Bürger.“

 

1983-12-24 

"Der Lebensstandart des Volkes in der DDR sank von Jahr zu Jahr, wie es bisher in fast allen sozialistischen Ländern zu beobachten war. Hungern braucht niemand und arme Leute gibt es in der DDR praktisch auch nicht. Trotzdem fehlt es an den wichtigsten Bedarfs- und Industriegütern, und die Dinge, die zu einer kultivierten Lebensweise beitragen, sind oft so billig und lieblos, dass sie oft nur auf die Grenze des Primitiven festgesetzt sind! Weihnachten 1983 ist bisher das magerste, was man der Bevölkerung bietet. Schon lange gibt es keine Schokolade mehr in den Geschäften, nur Ersatz, und auch kaum Apfelsinen. Dafür wird in den neuen Delikat-Läden, die eine Geldabschöpfung darstellen (von der Bevölkerung spöttisch „Bayerischer Konsum" genannt), eine Tafel Schokolade für 6,- Mark und mehr angeboten. Weniger begüterte Leute haben da keine Chance, in den Besitz dieser Luxusartikel zu gelangen. In Berga wurde wie üblich ein Weihnachtsmarkt angeordnet und mit Plakaten angekündigt, um dem Volk doch in gewisser Weise eine Zufriedenheit zu verschaffen. Er sollte am 9. und 10. 12. Im Klubhaus der DSF stattfinden. Für den Nachmittag war der Weihnachtsmann für die Kleinen angekündigt. Auch Rostbratwurstbraten wurde versprochen, das aber anfiel, weil es keine Holzkohle gab. Einige Leute fanden sich ein, die noch irgendein Geschenk suchten. Jedoch das Angebot ging nicht über die üblichen Dinge und Ladenhüter hinaus, die es sowieso in allen Geschäften gibt. Schokolade, Apfelsinen, Bananen u. dergl. sucht man vergeblich. Wie Feigen und Datteln aussehen, wissen die meisten Kinder nicht. Außer den üblichen Walnüssen von geringer Qualität sind keine anderen Nüsse zu sehen. Schimpfend verließ ein großer Teil der Besucher den Weihnachtsmarkt, ohne etwas gekauft zu haben. Auch die geschäftsoffenen Sonnabende und Sonntage vor dem Weihnachtsfest ist für die Verkäufer ein Problem. Eine Konsumverkäuferin, Frau W. klagte: „Was sollen wir nur verkaufen. Wir müssen uns an den Wochenenden noch herstellen und können nichts Besonderes anbieten!" Auch das Kinderspielzeug wird immer primitiver und Puppen sind manchmal so lieblos und hässlich., dass man sie keinem Kinde zumuten möchte. Dabei in allen Artikel (außer den Grundnahrungsmittel) steigende Preise, wobei jedoch die Löhne nicht angepasst werden. Bei Baumaterialien, Autozubehör, Wirtschaftsgeräte (die Aufzählung kann endlos fortgesetzt werden), fehlt es an dem Nötigsten. Die Kohle ist ausgelaugt und von schlechter Qualität, Koks gibt es ab nächstes Jahr, nach dies­jährigen erheblichen Kürzungen, auf normalem Wege überhaupt nicht mehr. Er ist dann nur noch gegen Westgeld erhältlich. Überall Einsparungen! Auch die Butter lässt sehr zu wünschen übrig. Sie enthält mehr Molke und Wasser als Fett. Das alles ist für ein straff arbeitendes Volk eine deprimierende Perspektive."

 

1986-04-16  

"Heute, Mittwoch 16. April 1986, wurde in Berga das Delikat-Geschäft um 9.30 Uhr eröffnet. In den freistehenden Ladenräumen der Fleischerei Hummel in der Bahnhofstraße fand er seine Niederlassung. - Die Delikatläden, die es schon in jeder Stadt gibt, dienen der Abschöpfung der Kaufkraft aller Bevölkerungsschichten. Die Waren sind meist aus der BRD oder kultiviertere Erzeugnisse eigener Produktion, als man dem Normalver­braucher in der DDR anbietet. Dafür sind die Preise zwei- bis dreimal so hoch, wie im normalen Angebot. Der Wunsch der DDR-Bürger auf eine besondere Speise oder ein kultiviertes Gericht erklären den regen Besuch dieser Läden." (Spottname: „Bayerischer Konsum").

 

1986-10-02  

"Berga. Kartoffelernte 1986. In diesen Tagen werden die Winterkartoffeln ausgeliefert. Die Bergaer Bürger gehen immer mehr von der Gewohnheit ab, Kartoffeln einzukellern. Denn es sind mittelfrühe Sorten und zur Einkellerung nicht geeignet. Die LPG mieten die Wintersorten selbst ein, um sie im Frühjahr zu verkaufen. Die Kartoffeln müssen im voraus bezahlt werden. Sonst würden viele Leute die Kartoffeln nicht bezahlen. Teilweise besteht die Belieferung aus viel zu kleinen Kartoffeln oder nur aus riesengroßen, die überdüngt sind und schon Innenfaule haben. Zur Auslieferung wird die LPG mit Fahrzeugen aus den Betrieben unterstützt. Ohne vorherige Anmeldung oder Bekanntgabe wird geliefert und bei abwesenden Empfängern einfach über den Zaun geschüttet (Beispiel Stadthalle, wo es über Nacht auch noch auf den Kartoffelhaufen regnete). Die Bevölkerung ist aufgebracht, aber es wagt niemand, seinen Ärger offen zu äußern."

 

1987-  

Bauholz. "Die Holzbelieferung für die Eigenheimbauer hat sich weiter verschlechtert. Auf diverse Bürgeranträge wurden vom Rat der Stadt Berga Berechtigungsscheine für 90 m3 Bauholz ausgeschrieben. Der Kreis lieferte aber nur 40 m3. Daraufhin beantragte der Rat der Stadt für das Jahr 1988 140 m3, um eine bessere Versorgung zu gewährleisten. Aber diese Rechnung ging nicht auf: Der Kreis strich kurzerhand 100 m3, so dass die gesamte Jahreslieferung 1988 wieder nur 40 m3 beträgt. Das bedeutet, dass jeder Eigenheimbauer die Menge an Brettern erhält, mit der er die knappe Hälfte seines Daches decken kann."

 

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