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Dank der freundliche Unterstützung
von Herrn Klaus Blam, - Verwalter der bis 1989 von Ilse Blam geführten
Ortschronik von Berga/Elster - konnte ich diese Seite anlegen. Sie bietet
einen kleinen, aber markanten Einblick in den oft von Mangelwirtschaft und
Missständen geprägten Alltag der DDR- Bevölkerung.
DDR- Alltag, aus der Sicht der
Bergaer Ortschronistin Ilse Blam (aus bisher unveröffentlichten Notizen und
Einschätzungen)
1974-12-27
Winterkartoffeln.
„Die
Wintereinkellerung der Kartoffeln ist von Jahr zu Jahr stark zurückgegangen
(im Jahre 1974 sieben Prozent). Dagegen verstärkt sich die Forderung,
Speisekartoffeln das ganze Jahr über in Kleinbeuteln kaufen zu können. Aus
diesem Grund entstand in der KAP Berga ein Lagerhaus für 600 Tonnen
Speisekartoffeln. Für den Leiter des Lagerhauses, Kollegen G. ist es
eine große Aufgabe, immer den entsprechenden Anforderungen gerecht
zu werden. 1974 stellte die Abpacklinie Berga über 1000 Tonnen Speisekartoffeln
in Kleingebinden bereit. Nächstes Jahr sollen es um über die Hälfte mehr
sein."
(VW, 27.12.1974
)
1978-04-07
In der LPG
(P) Berga wurde eine Kartoffellegemaschine so umgebaut, dass
vorgekeimte Kartoffeln nun nicht per Hand gelegt werden müssen. Man erhofft
sich davon eine Produktionssteigerung und möchte den Kreis ab Juli mit neuen
Kartoffeln beliefern können.
(VW,
07.04.1978).
"Die Qualität der Kartoffeln war
in den letzten Jahren eine sehr schlechte. Das lag wohl zum Teil am schlechten
Saatgut und den vielen künstlichen Dünger. 1975 faulten die Kartoffeln von vor
Weihnachten in den Kellern zusammen. 1976 waren die Kartoffeln braun- und
schwarzfleckig und kaum noch als Futterkartoffeln zu gebrauchen, so dass die
Stadt viele Reklamationen bekam und Ersatz schaffen musste. Viele Familien sind
deshalb von der Einkellerung der Kartoffeln abgekommen und kaufen nach Bedarf
ein Säckchen im Konsum. Auch ist durch das Werkküchenessen der familiäre
Bedarf an Kartoffeln gesunken. 1977 waren die Kartoffeln teilweise so
klein, dass sie gleichfalls nur Futterkartoffeln hätten sein
sollen. Die Bevölkerung war oft sehr unzufrieden. -
Der Preis für Kartoffeln ist das ganze Jahr hindurch stabil.
Der Zentner kostet 7,30 Mark."
1978-04-19
„In
der vergangenen Woche weilte ein Agrarflugzeug vom
Typ 237 der Interflug im Bereich der LPG (P) Berga. Von seinem Einsatzort bei
Zickra aus startend, hat der Pilot mit
seiner „Dünger-Hummel" an vier Einsatztagen auf ca. 750 Hektar
Flächen Kunstdünger ausgebracht."
(VW, 19.04.1978).
- "So fortschrittlich alle Meldungen aus
der Landwirtschaft auch klingen, darf doch nicht übersehen werden, dass diese
Art von Düngung bei der Bevölkerung auf Abwehr stößt. Es wird viel mehr Dünger
als nötig verbraucht und die angrenzenden Flächen werden bis 500 m breit mit
erfasst. Das sind Straßen, Wege, Wiesenstücke, sämtliche Waldstücke, die als
Inseln in den Feldern liegen. Das alles wird mit zu viel
Stickstoff angereichert und geschädigt. Die Insekten-
und Vogelwelt wird vernichtet und das ökologische Gleichgewicht
der Natur zerstört. Die Schadstoffe
kommen in das Trinkwasser und über das
Oberflächenwasser in
stehende und fließende Gewässer, so dass bald kein
Fisch mehr darin lebensfähig ist."
1978-10-31
"Der Herbst brachte eine
reiche Kartoffelernte und
man könnte
recht zufrieden sein, wenn es auch wirklich
Qualitätskartoffeln wären. Diese übergroßen Knollen weisen, sowie sie zur
Einkellerung gelangen, recht große Mängel auf.
Sie sind schorfig, dazu seifig. Viele sind schon beim Einkellern schwarzfleckig und
trockenfaul, so dass man um Weihnachten mit viel Fäulnis rechnen muss. Es muss leider
gesagt
werden, dass unsere LPG seit ihrem Bestehen noch recht wenig Glück hatte mit
diesem wichtigen Volksernährungsmittel. Liegt es nun an mangelhaften Samen oder
an übermäßiger oder unsachgemäßer
Düngung, man wird es kaum erfahren."
1979-10-07
"Zum 30. Jahrestag
der
DDR, der von der Bevölkerung fast nur
mit schlechten Witzen gefeiert wurde, erließ die Regierung eine
Amnestie für politische Gefangene. Es waren 2100 Bürger! Bemerkenswert,
wie viele Leute wegen freier Meinungsäußerung im Gefängnis sitzen. Laut
Gesetz ist jede Kritik an Politik und Staatsführung verboten."
1979-10-20
"In zunehmender Weise wird die DDR-Bevölkerung
unzufrieden. Das liegt zum großen Teil an der Versorgung mit Konsumgütern.
In den Zeitungen steht wohl von hohem Lebensstandart, doch in den Geschäften
bekommt man meist abschlägige Antworten. Die Preise der
Grundnahrungsmittel blieben bis jetzt stabil,
Brot mit 1,5 Kilo = 0,96 M; Butter (das Stück mit 250 g) zu 2,40 M; l
Liter Milch = 0,86 M. Auch Kinderkleidung wurde bis jetzt vom Staat gestützt.
Doch die Preise anderer Dinge stiegen
unablässig in die Höhe, Schuhe z. B, bis 150,- Mark, im Durchschnitt
60 bis 70
Mark. Bettwäsche gab es ein halbes Jahr überhaupt nicht. Jetzt, im Oktober,
wurde im Handel wie es hieß, holländisches Bettzeug angeboten: l x für 2
Betten = 360,- Mark. Das kann sich kein
Arbeiter
leisten. Für ein Handtuch zahlt man 33,- Mark.
Diese Teuerungsraten muss die Bevölkerung ohne Lohnzulagen über sich ergehen
lassen.
Es heißt,
unsere Waren werden alle ins Ausland verkauft und zwar zum Unterpreis.
Kapitalistische Händler kaufen spottbillig unsere guten Waren ein und werfen
sie, nicht zur Freude der Industrie in der BRD auf den Markt. Das vergrößert
die westdeutsche Arbeitslosigkeit. Die Waren, die fehlerhaft
sind und von
BRD-Kaufleuten abgelehnt werden, dürfen in der DDR verkauft werden."
1980-12-31
"Das Jahr 1980 hat in der
Bevölkerung
der DDR das Gefühl des Misstrauens gegen seine Regierung noch gesteigert. Die
Ausverkaufssituation auf allen Sektoren und Wirtschaftszweigen nimmt zu. Zwar
ist der Preis der hauptsächlichen Nahrungsmittel nicht gestiegen, doch viele
Güter des täglichen Bedarfs gibt es überhaupt nicht mehr. Es heißt, es
würde alles in kapitalistische Länder exportiert, wegen der Devisen. So
bekommt man z. B. Leber im Geschäft nur unter dem Ladentisch, weil sie für
Exporte als Hundefutter verarbeitet wird. Die Liste der fehlenden Artikel ist
endlos lang.
Den anderen sozialistischen Ländern geht es nicht besser.
Die Devisen würden zur Unterstützung
ausländischer Kommunisten verwendet, und den größten Teil schöpfen die
Sowjets von uns ab. Engpass ist auch nach wie vor Handwerkerarbeit, da durch die
Kollektivierung der Handwerkerstand zugrunde gerichtet ist. Die
Zugeständnisse, die jetzt nach Erkennung dieses Übelstandes gemacht werden,
erfolgen viel zu spät. Die Moral der Arbeiter, obwohl jedes Gramm und
jede Minute ausgenützt werden soll, lässt auch sehr zu wünschen übrig. Das bedeutet für
viele Waren eine starke Wertminderung. Das alles macht die Menschen im höchsten
Grade unzufrieden, dazu kommt noch das Maulkorbgesetz, das die Regierung
verhängte und das allen Menschen wie eine eiskalte Lähmung aufliegt.
Auch sorgt man sich um die Sparguthaben, denn die laufenden
Preiserhöhungen von Kleidung, Wäsche, Schuhen, Porzellan, Möbeln
und elektr. Geräten, soweit das alles überhaupt zu bekommen ist, stellt sich
doch als schleichende Inflation dar. Es wird auch eher das Gegenteil von
Sympathie erreicht, wenn in Zeitungen und
anderen Medien großspurig von
der Übererfüllung aller Wirtschaftspläne und einem großartigen
Lebensstandart geschrieben wird. Um die Natur sorgt man sich nur auf dem Papier.
Bäche und Flüsse sind verschmutzt, dass Leben darin unmöglich ist. Gifte
sickern durch Abwässer und falschen Silagenbau in den Boden. Falsche
Düngung ruiniert die natürlichen Wachstumsverhältnisse (in diesem Jahre
leiden die Kartoffeln an Überdüngung; übergroße, leicht faulende Kartoffeln werden
von der Bevölkerung als stinkende Masse wieder
aus den
Kellern geräumt). Die LPG geht rücksichtslos vor. Kleine Waldflecken,
Baumgruppen, Einzelbäume und Raine werden beseitigt und umgeackert. Das
Niederwild ist stark zurück gegangen und man hat Glück, wenn man einmal einen
Hasen sieht. Ebenfalls verursacht die viele künstliche Düngung ein großes
Insektensterben und damit die Vernichtung vieler Vogelarten. Die Fabriken in
Berga, und auch die Schule, verqualmen und verdrecken den Luftraum, dass der
Talkessel oft unter Rauch und Schmutz verschwindet. Es wurde
von Besuchern aus
dem Ruhrgebiet mehrmals versichert, dass es bei ihnen
nicht zu schmutzig sei!
All diese Verhältnisse und das Unvermögen
zur Änderung ruft bei den meisten Bürgern das Gefühl der Hoffnungslosigkeit
hervor. Sie ziehen sich so weit es geht von allem Gesellschaftlichen
zurück und versuchen, ein für sich selbst zufriedenstellenden Eigenleben zu fuhren. - Vom Jahre
1981 erwartet
man keine Verbesserung der Verhältnisse."
1981-06-14
"Am
14. Juni findet wieder
die Wahl der Kandidaten der Nationalen Front für die Volkskammer statt. Die Helfer wurden schon geschult. Die
Wahlberechtigungen und Wahlbenachrichtigungen wurden von den Helfern ausgetragen.
Die Losungen und Wahlaufforderungen sind, wo nur irgend Platz
ist, angebracht, und der Bevölkerung mit sanften Druck zu Gemüte geführt. In
der Tagespresse erscheinen ungezählte Fotos von
Arbeitern, die von der Zwinglichkeit und Wiederwahl der gegenwärtigen Regierung
überzeugt sind und brav das wiedergeben, was man von ihnen wünscht. Die
Wahlhelfer für den 14. Juni sind bestellt
und manche Gemeinden und Dörfer überbieten sich
schon, mit
welcher Schnelligkeit
die Wahl beendet werden könnte.
Als Wähler möchte man die Zeit nicht überschreiten, um nicht
schief angesehen zu werden. Außerdem ist es nicht zu empfehlen, die Kabine
zu betreten, um nicht aufgeschrieben zu
werden. Irgendwo, irgendwann, kann das einem Schaden bringen.
Man hat in der DDR gelernt, mit einer
Meinung zu leben, die nicht
die wahre, eigene ist. Die Bevölkerung ist über die Regierung verärgert.
Der Wert des Geldes sinkt inflationär. Die Waren werden teurer und viele Gebrauchsgegenstände fehlen
ganz. Möglichkeiten, bei Ämtern und Institutionen eigene
Anliegen anzubringen, gibt es nur wenig. So z. B. Wasser-
und Telefonanschlüsse zu
bekommen, den
schadhaften Badeofen ersetzen, die längst
fällige Wohnung zu erhalten u. v. a. m. Es hat sich
langsam eingerichtet, die Wahl als Druckmittel zu benützen.
Mit der Drohung, nicht zu wählen, kann der Rat der Gemeinde in
die Enge gebracht werden, der alles zu tun bereit ist, die 100%ige
Planerfüllung der Wahl nicht zu gefährden."
1982-01-04
"Der Hauswirtschaftliche
Dienstleistungsbetrieb
ist gezwungen, verschiedene Leistungen einzustellen. Wegen Benzinmangel wird die Schmutzwäsche
nicht mehr abgeholt und zugestellt. Bisherige Fahrleistungen
werden auf allen Sektoren rigoros gekürzt.
Viele Omnibuslinien werden eingestellt, ebenso Rentnerfahrten. Sogar die LPG
muss Kürzungen hinnehmen. Manche Werktätige sind durch sparsamere Fahrrouten
längere Zeit zum Arbeitsplatz unterwegs. Das alles ruft in der Bevölkerung
Unzufriedenheit und Unruhe hervor."
1982-03-31
"Es
wird ungeheuer mit Benzin gespart. Der private Sektor ist zwar noch unbehelligt,
doch von staatlicher Seite erfuhren alle Betriebe und Institutionen erhebliche
Einschränkungen.
Bäuerliche Betriebe, Fabriken und dergl. haben bedeutende Schwierigkeiten. Als
Privatmann einen LKW zu bekommen, um irgendwelche Fuhren zu bewerkstelligen, ist
fast unmöglich. Rentnerfahrten oder Busausflüge sind ganz und gar gestrichen.
Es ist auch sonst im Handelssektor und der Wirtschaft ein merklicher Rückgang
im Angebot zu verspüren. Die Grundnahrungsmittel jedoch stehen immer zur
Verfugung. Aber die Fehllisten für andere Materialien wollen schier nicht
enden."
1982-04-30
"In
den Geschäften macht sich die Knappheit von Wurst- und Fleisch waren
bemerkbar. Das Angebot wird geringer. Auch in anderen Warensektoren hat sich
Versorgung kaum gebessert. Der Hausbau des Herrn S. im Kirchgraben kann nicht
begonnen werden, weil es keinen Zement gibt."
1982-07-31
"Die
Versorgung der Bevölkerung
mit Lebensmitteln (vor allem Fleisch) und anderen Bedarfsgütern hat sich
nicht gebessert. Viele Dinge, die zur Selbstverständlichkeit gehören sollten,
sucht man vergebens. Spezielles findet man gar nicht. Das Vertrauen zur
Regierung schwindet immer mehr. Durch das gesetzliche Verbot jeder Kritik an
Partei und Staatsmacht sind die Menschen sehr misstrauisch und vorsichtig
geworden. - Durch lange Trockenperiode ist der Fettgehalt der Milch
gesunken, so dass die Molkereien den Fettgehalt der Vollmilch gesenkt und in die
Butter irgendwelche Zusätze gemischt werden müssen, was Qualitätsverlust
bedeutet. Es gibt dafür einen Preisnachlass von wenigen Pfennigen. Die Preise
anderer Bedarfsgüter (keine Lebensmittel) wie
Schuhe, Textilien usw.
steigen ständig. Leichte Damensommerschuhe kosten schon um die 60,-
Mark. - Es macht sich auch schon lange die Zerstörung des
Handwerkerstandes in schlimmer Weise bemerkbar. Die Auflösung
der Bergaer Glaserei und die Verlegung der
Klempnerei nach Greiz bringt nur eine Verschlechterung der
Lebensweise und Versorgung der Menschen. Mangel an
Materialien wie Holz, Glas, elektr. Leitung, Bleche, Nägel, Schrauben und vieles mehr, machen Reparaturen meist recht
problematisch. - Aus
verschiedenen Städten, wie z. B. Weimar und Jena kommen Meldungen von schlechter
Fleischversorgung. In Berga geht es damit noch einigermaßen. Wo man eine
lange Menschenschlange sieht, ist ein Fleischladen. Die Belieferung ist
einseitig und man bekommt meist nur eine einzige Fleischsorte (Schwein).
Kalbfleisch gibt es fast nie. Es regt kaum jemand auf. Geflügel gibt
es ausreichend. Der Speck fehlt ganz und gar und er Erwerb von Schinken ist
Glückssache. - Die Versorgung der Betriebe
mit Benzin hat sich
nicht gebessert.
Es heißt auch, dass die Betriebe
selbst alle in den roten Zahlen stünden. Offiziell ist da nichts
zu erfahren. So wie in Westdeutschland viele kleine Betrieb den
Bankrott anmelden müssen, haben auch die Betrieb in der DDR Krisen
durchzumachen. Vom
Kreis Greiz sagt man, dass nur ein einziger Betrieb schuldenfrei
sei."
1982-08-10
"Das Wetter ist heiß! Wenig Niederschlag. Das macht sich nun
auch in der Landwirtschaft und Versorgung bemerkbar. Die Futterweiden der Kühe verdorren. Die Milch wird
auf
weniger Fettgehalt zurechtgemacht. Auch die Butter wird in ihrer
Qualität geringer. Es gibt dafür einen Preisnachlass von wenigen Pfennigen.
Die Preise anderer Bedarfsgüter (außer den
hauptsächlichen), so bei Schuhen, Textilien u. a. steigen ständig. Der Preis für leichte Sommerdamenschuhe ist schon
lange wieder bei 60 Mark. Die Auswirkungen der Zerstörung des Handwerks machen sich in schlimmer
Weise bemerkbar. Die Auflösung der
Bergaer Glaserei
und die Verlegung der Klempnerei nach Greiz bringt
nur eine Verschlechterung der
Lebensweise und Versorgung der Menschen. Mangel an Materialien wie Holz,
Glas, elektr. Leitung, Bleche, Nägel, Schrauben usw. machen
Reparaturen recht problematisch.
Aus verschiedenen Städten kommen
Meldungen von schlechter Fleischversorgung (Weimar, Jena). In Berga geht es
einigermaßen. Viele Fremde kommen hierher und tätigen
Hamsterkäufe. Lange Menschenschlangen trifft man vor den Fleischgeschäften.
Beliefert werden diese meist nur mit einer Fleischsorte, größtenteils mit
Rind, nur manchmal gibt es auch
Schweinefleisch zu kaufen und Kalbfleisch ganz selten. Das
regt kaum noch jemand auf. Geflügel gibt es ausreichend. Das Leben hat wenig
Perspektiven für DDR-Bürger.“
1983-12-24
"Der Lebensstandart des
Volkes in der DDR sank von Jahr zu
Jahr, wie es bisher in fast
allen sozialistischen Ländern zu beobachten war.
Hungern braucht niemand und arme Leute gibt es in
der DDR praktisch auch nicht. Trotzdem fehlt es an
den wichtigsten Bedarfs- und Industriegütern, und die Dinge, die zu einer
kultivierten
Lebensweise beitragen, sind oft so billig und lieblos, dass
sie oft nur auf die Grenze des Primitiven festgesetzt sind!
Weihnachten
1983 ist bisher das magerste, was man der Bevölkerung
bietet. Schon lange gibt es keine Schokolade mehr in den Geschäften, nur Ersatz,
und
auch kaum Apfelsinen. Dafür wird in
den neuen Delikat-Läden, die eine
Geldabschöpfung darstellen (von der Bevölkerung spöttisch „Bayerischer
Konsum" genannt), eine Tafel Schokolade für 6,- Mark und mehr
angeboten. Weniger begüterte Leute haben da keine Chance, in den Besitz dieser
Luxusartikel zu gelangen.
In
Berga wurde wie üblich
ein Weihnachtsmarkt angeordnet und mit Plakaten angekündigt, um dem Volk doch
in gewisser Weise eine Zufriedenheit zu verschaffen. Er sollte am 9. und 10. 12.
Im Klubhaus der DSF stattfinden. Für den
Nachmittag war der Weihnachtsmann für
die Kleinen angekündigt. Auch Rostbratwurstbraten wurde versprochen, das aber
anfiel, weil es keine Holzkohle gab. Einige Leute fanden sich ein, die noch
irgendein
Geschenk
suchten. Jedoch das Angebot ging nicht über die üblichen Dinge und Ladenhüter
hinaus, die es sowieso in allen Geschäften gibt. Schokolade, Apfelsinen,
Bananen u. dergl. sucht man vergeblich. Wie Feigen und Datteln aussehen, wissen
die
meisten Kinder nicht. Außer den üblichen Walnüssen von geringer Qualität
sind keine anderen Nüsse zu sehen. Schimpfend verließ ein großer Teil der
Besucher den Weihnachtsmarkt, ohne etwas gekauft zu haben.
Auch
die
geschäftsoffenen
Sonnabende und Sonntage vor dem Weihnachtsfest ist für die Verkäufer ein Problem.
Eine Konsumverkäuferin, Frau W. klagte: „Was
sollen wir nur verkaufen. Wir
müssen uns an den Wochenenden noch herstellen und können nichts Besonderes
anbieten!"
Auch
das Kinderspielzeug wird immer primitiver und
Puppen sind manchmal so
lieblos und hässlich.,
dass man sie keinem Kinde zumuten möchte. Dabei in allen Artikel (außer den
Grundnahrungsmittel) steigende Preise, wobei jedoch die Löhne
nicht angepasst werden.
Bei
Baumaterialien, Autozubehör,
Wirtschaftsgeräte (die Aufzählung kann endlos fortgesetzt werden), fehlt es
an dem Nötigsten. Die
Kohle
ist ausgelaugt und von schlechter Qualität, Koks gibt es ab nächstes Jahr,
nach diesjährigen erheblichen Kürzungen, auf normalem Wege überhaupt nicht
mehr. Er ist dann nur noch gegen Westgeld erhältlich. Überall Einsparungen!
Auch die Butter lässt sehr zu wünschen übrig. Sie enthält
mehr Molke und Wasser als Fett. Das alles ist für ein straff arbeitendes Volk
eine deprimierende Perspektive."
1986-04-16
"Heute,
Mittwoch
16. April 1986, wurde in Berga das Delikat-Geschäft
um 9.30 Uhr eröffnet. In den freistehenden Ladenräumen der Fleischerei
Hummel in der Bahnhofstraße fand er seine Niederlassung. - Die
Delikatläden, die es schon in jeder Stadt gibt, dienen der Abschöpfung der
Kaufkraft aller Bevölkerungsschichten. Die Waren sind meist aus der BRD oder
kultiviertere Erzeugnisse
eigener Produktion,
als man dem Normalverbraucher in der DDR
anbietet. Dafür sind die Preise
zwei- bis dreimal so hoch,
wie im normalen Angebot. Der Wunsch der DDR-Bürger auf eine besondere Speise
oder ein kultiviertes Gericht erklären den regen Besuch dieser Läden." (Spottname:
„Bayerischer Konsum").
1986-10-02
"Berga.
Kartoffelernte 1986. In diesen Tagen werden
die Winterkartoffeln ausgeliefert. Die Bergaer
Bürger gehen immer
mehr von der Gewohnheit ab, Kartoffeln
einzukellern. Denn es
sind mittelfrühe Sorten und zur Einkellerung nicht geeignet.
Die
LPG mieten die Wintersorten selbst ein, um sie
im
Frühjahr zu verkaufen. Die Kartoffeln müssen
im voraus
bezahlt werden. Sonst würden viele Leute die Kartoffeln nicht bezahlen.
Teilweise besteht die Belieferung
aus viel zu
kleinen Kartoffeln oder nur aus riesengroßen,
die überdüngt sind und schon Innenfaule haben. Zur
Auslieferung wird
die LPG mit Fahrzeugen aus den Betrieben unterstützt. Ohne vorherige Anmeldung oder
Bekanntgabe wird geliefert
und bei abwesenden Empfängern einfach über
den Zaun geschüttet (Beispiel Stadthalle, wo es über Nacht auch noch auf den
Kartoffelhaufen regnete). Die
Bevölkerung ist aufgebracht, aber es wagt niemand, seinen Ärger offen
zu äußern."
1987-
Bauholz.
"Die Holzbelieferung für
die Eigenheimbauer
hat sich weiter verschlechtert. Auf diverse Bürgeranträge wurden vom Rat
der Stadt Berga Berechtigungsscheine für
90 m3 Bauholz ausgeschrieben. Der Kreis lieferte aber
nur
40 m3. Daraufhin
beantragte der Rat der
Stadt
für das Jahr
1988
140 m3, um eine bessere Versorgung zu
gewährleisten. Aber
diese Rechnung ging nicht auf:
Der Kreis strich kurzerhand
100 m3, so dass die gesamte Jahreslieferung 1988 wieder
nur 40 m3 beträgt. Das bedeutet, dass jeder Eigenheimbauer die Menge
an Brettern erhält,
mit der
er die knappe
Hälfte seines
Daches decken kann."
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